Kurzfassung
Grit wird bei Wellensittichen unterschiedlich bewertet. Unlösliche Magensteinchen können die mechanische Zerkleinerung der Nahrung unterstützen. Gleichzeitig gibt es Quellen, die Grit für Sittiche und Papageien nicht als notwendig ansehen. Studien zu Heimvögeln fehlen bislang. Bei bestimmten Erkrankungen kann eine erhöhte Gritaufnahme auftreten. Der Artikel stellt die unterschiedlichen Quellen und Erkenntnisse gegenüber und leitet daraus eine Empfehlung für die Haltung ab.
Was ist Grit?
Diese Bezeichnung wird oft uneinheitlich verwendet, womit zwischen zwei Kategorien unterschieden werden muss:
- Unlöslicher Grit: Hierbei handelt es sich um die sogenannten „Magensteinchen“, wie Quarz, Granit, Kiesel und Sand. Diese verbleiben einige Zeit im Muskelmagen und unterstützen dort die mechanische Zerkleinerung harter Nahrung.
- Löslicher „Grit“: Hierbei handelt es sich um den sogenannten „Kalk- oder Muschelgrit“, wie Kalkstein, Muschel- oder Austernschalen. Diese dienen hauptsächlich als potenzielle Mineralstoff- oder Calciumquelle.
Wenn in diesem Beitrag von „Grit“ gesprochen wird, sind stets unlöslicher Grit, also die Magensteinchen, gemeint.
Wofür wird Grit verwendet?
Dr. med. vet. D. Quinten beschreibt das, wie folgt:
Gemäß Untersuchungen bei Geflügel kann dieser die Verdaulichkeit des Futters um bis zu 10 % erhöhen, wobei es allerdings keine vergleichbaren Studien bei Heimvögeln gibt.1Patricia Macwhirter, S. 845
Zu diesem gibt es u. a. noch Studien zu Haushühnern2„Effects of diet and gizzard muscularity on grit use in domestic chickens“, Gänsen3„Effect of dietary fibre and grit on performance, gastrointestinal tract development, and grit pattern of goose“ und Haussperlingen4„Grit Use by House Sparrows: Effects of Diet and Grit Size“.
Wichtig ist zudem, dass Magensteinchen aus hygienischen Gründen stets separat in einem extra Schälchen zur Verfügung gestellt werden sollten.
Was passiert bei Gritmangel?
Gemäß Dr. D. Quinten, einer Tierärztin und Spezialistin für Ziervogelkrankheiten, führt ein Sand- bzw. Gritmangel zu schweren Verdauungsstörungen, da ein großer Teil des Futters nicht zerrieben wird und vom Körper nicht oder nur unzureichend verwertet werden kann.
Dadurch gehen dem Darm wertvolle Nährstoffe verloren, was nach einiger Zeit zu Mangelerscheinungen führen kann.
Mögliche Probleme durch Grit
Die übermäßige Aufnahme wird oft als Grund angeführt, warum Wellensittichen kein Magensteinchen zur Verfügung gestellt werden sollte.
Leider werden dabei „Ursache“ und „Wirkung“ verwechselt oder vertauscht.
Die Verdauungsprobleme entstehen nicht ursächlich durch die übermäßige Aufnahme, sondern die Wellensittiche nehmen zu viel auf, weil sie versuchen Verdauungsprobleme und vermutlich auch Schmerzen im Bauch zu beheben.
Patricia Macwhirter beschreibt, dass manche Vögel bei freier Verfügbarkeit zu viel Grit aufnehmen, was möglicherweise dann zu Verstopfungen des Kropfes, Drüsenmagens oder Muskelmagens führen kann.
Scheinbar scheint auch die Herkunft der Vögel ein Kriterium zu sein, da dieses Problem zwar in Nordamerika häufig berichtet wird, aber in Australien selten zu sein scheint. Der Grund dafür ist laut Patricia Macwhirter unbekannt.
Es gibt offenbar auch Berichte von Wellensittichhaltern, bei denen diese aus Langeweile zu viel Sand fressen. Aber auch hier sind nicht der Sand bzw. die Magensteinchen die Ursache, sondern eine Verhaltensstörung durch mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten oder Artgenossen.
Kein Grit für Wellensittiche?
In verschiedenen Quellen taucht aber immer wieder die Behauptung auf, dass Sittiche und Papageien die Ausnahme bilden und keine Magensteinchen benötigen würden.
„Da körnerfressende Papageien ihren Schnabel zum Entfernen der härtesten Pflanzenteile nutzen, ist für eine optimale Verdauung die Aufnahme von unlöslichem Grit nicht erforderlich, anders als beispielsweise bei Tauben.“
Schaut man sich das dann genauer an, wird für diese Aussagen meist die gleiche Quelle angeführt, nämlich „Association of Avian Veterinarians (AAV): Feeding Recommendations, 2002„.
Das Problem dabei ist, dass dieses Dokument nicht mehr auffindbar zu sein scheint und vermutlich gelöscht und durch aktuellere Versionen von 2014 und 2020 ersetzt wurden, die aber inzwischen auch nicht mehr direkt verfügbar sind.
Das einzige verfügbare Zitat aus der „AAV Feeding Brochure“ scheint noch in der Tabelle 4.2.2f von „Clinical Avian Medicine“, Vol. I auf S. 112 abgedruckt zu sein.
In der aktuellsten Broschüre „FEEDING BIRDS“ von 2020, die noch als Kopie auffindbar war, lauten die Aussagen dazu wie folgt:
„Birds lack teeth, and so food items are swallowed in small pieces and ground up by the ventriculus, the heavily muscled second chamber of the avian stomach. The ventriculus often holds on to a
few particles of insoluble material, such as pebbles or soluble grit, to help with the grinding of food. Grit is generally not recommended for most parrots. Grit in the form of ground oyster shell is often
recommended for canaries, finches, pigeons and doves.“
„Vögel haben keine Zähne, daher wird die Nahrung in kleinen Stücken verschluckt und im Ventrikulus, der stark bemuskelten zweiten Kammer des Vogelmagens, zermahlen. Der Ventrikulus hält oft einige Partikel unlöslichen Materials wie Kieselsteine oder löslichen Grit zurück, um das Zermahlen der Nahrung zu unterstützen. Grit wird im Allgemeinen für die meisten Papageien nicht empfohlen. Grit in Form von gemahlenen Austernschalen wird oft für Kanarienvögel, Finken, Tauben und Turteltauben empfohlen.“
Warum es keine Broschüre mit dem Thema „Grit“ von der Association of Avian Veterinarians (AAV) mehr verfügbar ist und die Ausgaben von 2002, 2014 und 2020 scheinbar gelöscht wurden, könnte bezeichnend sein.
Endgültig Aufschluss darüber kann wohl nur eine Antwort auf meine Rückfrage geben, sobald eine solche verfügbar ist.
Zusammenfassend kann man feststellen, dass laut den alten Broschüren vom AVV für „Papageien, Aras, Sittiche und ähnliche Arten unlöslicher Grit nicht erforderlich ist“ (2002) bzw. für „die meisten Papageien nicht empfohlen wird“ (2020).
Auffällig ist aber, dass weder in den Broschüren vom AAV noch in anderen meiner Quellen eine Studie zu Wellensittichen oder Ziervögeln aufgeführt wird, was sich mit den Aussagen von Patricia Macwhirter deckt, dass es keine entsprechenden „Studien zu Heimvögeln“ gibt.
Erkenntnisse zu Grit
- Es gibt mehrere Studien, die Funktion und Auswirkung von Grit im Muskelmagen von Vögeln untersuchen.
- Die Studien haben ergeben, dass Sand und Magensteinchen gezielt aufgenommen und je nach Nahrungsbestandteilen (Pflanzen, Körner …) in verschiedener Menge und Körnung im Muskelmagen zurückgehalten werden.
- Studien haben auch ergeben, dass Magensteinchen die Verdauung unterstützen und die Verdaulichkeit des Futters je nach Nahrungsbestandteilen, um bis zu 10 % erhöhen können.
- Vögel (auch Sittiche) nehmen bei Erkrankung oder Problemen im Magen-Darm-Trakt vermehrt Sand oder Magensteinchen auf, um den Problemen und vermutlich auch den Schmerzen im Bauchraum entgegenzuwirken.
- Vermehrte Sandaufnahme ist nicht die Ursache, sondern die Folge von Magen- und Darmproblemen.
- Sittiche und Papageien entspelzen in der Regel die Körner, was die Verdauung dieser erleichtert, aber keine Auswirkung auf die Verdauung von Pflanzenbestandteilen (Frischfutter) hat.
- Auch Wellensittiche nehmen je nach Bedarf Magensteinchen auf, woraus man schließen kann, dass dieser für sie trotz des Entspelzens der Körner einen gewissen Nutzen haben muss, auch wenn dieser geringer ausfallen dürfte als bei Vögeln, die ihre Körner nicht entspelzen.
- Die Tatsache, dass Sittiche und Papageien Körner entspelzen, ist kein hinreichender Beweis dafür, dass diese keinen Grit benötigen, also komplett darauf verzichten sollten bzw. können.
Fazit
Keine Quelle, die ich bei meinen Recherchen finden konnte, liefert einen echten Beweis dafür, dass Sittiche und Papageien keinen Grit benötigen und komplett darauf verzichten sollten.
Die erste Beobachtung bei meinen eigenen Wellensittichen zeigt, dass diese immer wieder gezielt Magensteinchen aus dem zur Verfügung gestellten Schälchen aufnehmen, was im Widerspruch dazu steht, dass diese angeblich für sie „nutzlos“ sind, also nicht benötigt werden.
Die zweite Beobachtung ist, dass die aufgenommenen (unlöslichen) Magensteinchen nicht wieder im Ganzen ausgeschieden werden, soweit ich das beurteilen kann. Diese Tatsache legt nahe, dass sich diese tatsächlich im Muskelmagen zur Unterstützung der Verdauung bei den „Mahlvorgängen“ abnutzen, wie das Dr. D. Quinten in „Ziervogelkrankheiten“ auf Seite 112 beschreibt, und somit nur noch die Reste ausgeschieden werden.
Egal wie viel weniger Wellensittiche Sand oder Magensteinchen aufgrund des Entspelzens möglicherweise benötigen, sehe ich darin absolut keinen Grund, ihnen diesen komplett zu verweigern. Man darf dabei auch nicht die (faserigen) Pflanzenbestandteile vergessen, die sich in vielen Fällen nicht einfach „zerdrücken“ und dadurch verkleinern lassen.
Grundsätzlich sollte auch Wellensittichen stets ausreichend (unlöslicher) Grit, also Magensteinchen, in einem separaten Napf zur Verfügung gestellt werden, damit diese selbst entscheiden können, ob bzw. wann sie diesen in welcher Menge benötigen.
Eine Ausnahme bilden verschiedene Erkrankungen (z. B. Megabakteriose), bei denen der Grit möglicherweise zeitweise komplett entfernt werden oder in kleinen Portionen rationiert angeboten werden muss.
Sollte jemand noch weitere Quellen oder Studien hierzu kennen, diese bitte an meine E-Mail-Adresse (mail@welliathome.de) schicken, damit ich diese überprüfen und gegebenenfalls mit einarbeiten kann.
